Monday, May 31, 2010

Tunnelgräber, Kidnapper, Killer

03.07.10 17:10

SPIEGEL ONLINE - Druckversion - Korea-Krise: Tunnelgräber, Kidnapper, Killer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik

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31. Mai 2010, 12:54 Uhr

Korea-Krise

Tunnelgräber, Kidnapper, Killer

Aus Panmunjom berichtet Andreas Lorenz

Bizarre Propaganda und ein Tunnel des Terrors: Die Grenze zwischen den

beiden Koreas ist einer der gefährlichsten, einer der merkwürdigsten Orte der

Welt. Es ist ein Tummelplatz der Agenten und Provokateure, denn der Krieg

zwischen Nord und Süd wurde formal nie beendet. Er geht im Geheimen weiter.

Irgendwo, zwischen Bäumen, Wiesen und Feldern, verläuft er - der 38. Breitengrad und

gleichzeitig jene legendäre Linie zwischen Süd- und Nordkorea, welche die Uno 1953 als

Grenze zwischen den verfeindeten Heeren des Korea-Krieges festlegte.

Ein Friedensabkommen existiert bislang nicht, formal befinden sich beide Koreas noch im

Krieg.

Im Dunst ist die nordkoreanische Stadt Kaesong mit ihrer Sonderwirtschaftszone zu

sehen, in der südkoreanische Firmen mit fast 40.000 nordkoreanischen Arbeitern Waren

produzieren. Auf der neuen Straße dorthin ist bis auf ein paar südkoreanischer

Militärlaster kein Auto zu entdecken.

"Wir lassen Lastwagen nur alle Stunde im Konvoi durch", sagt ein Feldwebel, der von

einer Beobachtungsplattform Richtung Norden starrt. An einer Mauer steht das Motto

seiner Truppe: "Stolz und Vertrauen." In der Ferne sind die zwei riesigen Fahnenmasten

Nord- und Südkoreas zu erkennen.

Alles geht bislang seinen normalen Gang hier auf der südkoreanischen Seite der

Demarkationslinie. Rote Busse kutschieren Touristen, viele davon aus China, an

Kasernen, Kirchen und Reisfeldern vorbei zu den Sehenswürdigkeiten dieses

merkwürdigen Ortes, zum Beispiel zum sogenannten Tunnel Nr. 3, den die Nordkoreaner

1978 gruben, um den Süden zu infiltrieren. Wäre er nicht entdeckt worden, hätten

30.000 Soldaten in einer Stunde unterirdisch nach Südkorea geschmuggelt werden

können.

Ein Bähnlein transportiert die Besucher in die Tiefe, dann geht es leicht gebückt zu Fuß

ein paar hundert Meter weiter Richtung Norden, bis zu einer Mauer. Die Nordkoreaner

streiten bis heute ab, den Tunnel gebohrt zu haben.

Einer der gefährlichsten Orte der Welt

Sogar Plakate mit den Kandidaten der Provinzwahlen hängen an einer Straßenkreuzung

der demilitarisierten Zone. Und am Startpunkt der Touren können Koreaner Karussell

fahren oder sich in einer Schaukel in die Luft schwingen lassen.

Seitdem ein nordkoreanisches U-Boot am 26. März die südkoreanische Korvette

"Cheonan" mit einem Torpedo versenkte und 46 Seeleute in die Tiefe riss, ist die

Demarkationslinie - wieder einmal - zu einem der gefährlichsten Orte der Welt geworden.

Die drei Staats- und Regierungschefs Chinas, Japans und Südkorea haben am

Wochenende auf der Insel Jeju versucht, die Krise zu entschärfen. Allerdings gelang es

dem südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak nicht, den chinesischen Premierminister

Wen Jiabao auf seine Seite zu ziehen. Peking weigert sich nach wie vor, Nordkorea offen

zu verurteilen. Es benötige mehr Zeit, um die von Seoul vorgelegten

Untersuchungsergebnisse zu überprüfen, hieß es.

"Die dringende Aufgabe für den Moment lautet, die durch den 'Cheonan'-Zwischenfall

verursachten ernsthaften Auswirkungen zu bewältigen, die Spannungen schrittweise zu

entschärfen und mögliche Konflikte zu verhindern", erklärte Wen.

Der Grund für die Zurückhaltung: China ist Nordkoreas treuester Verbündeter, es will

verhindern, dass sich Herrscher Kim Jong Il und seine Militärs in die Ecke gedrängt fühlen

und die Krise eskalieren lassen.

Beziehungen geprägt von Mord- und Totschlag

Sie wissen, wie gefährlich die Lage ist, denn seit dem Waffenstillstand sind die

Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea geprägt von Mord und Totschlag, die

koreanische Halbinsel ist eine Welt der Agenten und Provokateure, der Tunnelbauer, Killer

und Kidnapper.

Immer wieder versuchten nordkoreanische Agenten und Soldaten, jenseits der

Demarkationslinie Unheil anzurichten. Im Januar 1968 drangen 31 Mann sogar bis in die

Nähe des Blauen Hauses, dem Regierungssitz in Seoul, vor, wo sie der südkoreanischen

Führung den Garaus machen wollten.

Kim, der sich neuerdings "General" und nicht mehr "Lieber Führer" nennen lässt, ließ

Dutzende, vielleicht sogar Hunderte, von Japanern und Südkoreanern in sein Reich

entführen. Neun Terroristen der japanischen Rote Armee Fraktion gewährte er

Unterschlupf.

1982 vereitelte die kanadische Polizei ein Attentat auf den südkoreanischen Präsidenten

Chun Do Hwan. Im nächsten Jahr versuchte ein nordkoreanisches Killerkommando Chun

in Rangun erneut in die Luft zu jagen. Die Bombe tötete 17 hohe Regierungsbeamte,

Chun überlebte.

Zwei nordkoreanische Agenten sprengten 1986 Flug 857 von "Korean Airlines" auf dem

Flug von Bagdad nach Seoul über der Andamanen-See in die Luft, 115 Menschen

starben. Offenbar wollte Kim mit dieser Tat die Olympischen Spiele 1988 in Seoul

sabotieren.

Mit der Krisenstimmung innenpolitisch Punkte machen

Nordkorea streitet nach wie vor vehement ab, etwas mit dem Torpedo-Angriff zu tun zu

haben. Ein paar südkoreanische Oppositionelle äußern ebenfalls Zweifel. Der Journalist

und ehemalige Marinesoldat Shin Sang Cheol, selbst Mitglied der

Untersuchungskommission, wirft der Regierung laut der Zeitung "Joong Ang Daily" vor,

wichtige Erkenntnisse zu verschweigen, um mit der Krisenstimmung innenpolitisch Punkte

zu machen.

Er vermutet, dass die Korvette in Wahrheit mit einem anderen Schiff zusammenstieß,

auch die Aufschrift "Nr. 1" auf den Torpedoresten, die Seoul als Beweis für die

nordkoreanische Herkunft dient, komme ihm verdächtig vor. Staatsanwälte verhörten ihn

deshalb, sie verdächtigen ihn, falsche Gerüchte zu verbreiten.

Am vorigen Wochenende inspizierte der südkoreanische Stabschef Armee-Einheiten im

ganzen Land und diskutierte mit seinen Generälen mögliche Reaktionen, falls Nordkorea,

wie angekündigt, zum Beispiel die Propagandalautsprecher beschießen sollte, die an der

Demarkationslinie installiert werden sollen.

Den Plan, Hunderttausende von Flugblättern mit Luftballons gen Norden zu befördern, ließ

das Militär vorerst fallen, um die Nordkoreaner nicht allzu sehr zu reizen.

Unternehmer, die jenseits der Grenze in der Industriezone von Kaesong produzieren

lassen, versuchten derweil die Regierung davon zu überzeugen, auch die Idee mit den

Propagandalautsprechern fallenzulassen. Sie fürchten, Nordkorea könne seine Drohung

wahr machen und den Fabrikkomplex Kaesong schließen - und ihnen damit große

Verluste bescheren.

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