Saturday, April 3, 2010

Nordkorea wird nicht den chinesischen Weg gehen

EM-Interview: Nordkorea wird nicht den chinesischen Weg gehen - Eurasisches Magazin - Druckversion 16.05.10 12:56
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Zur Person: Hanns Günther Hilpert
Dr. Hanns Günther Hilpert ist Mitarbeiter
der Forschungsgruppe Asien bei der Berliner
Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Von 1999 bis 2002 gehЪrte Hilpert demDeutschen Institut für Japanstudien in Tokio
an. Davor war er ab 1989 an der
Studienstelle Japan / Asien des ifo Instituts
für Wirtschaftsforschung, München tКtig.
Seine Forschungsfelder: Asien in der
Weltwirtschaft, Integrationsprozesse in
Ostasien, Wirtschaft Japans, Wirtschaft
Chinas, Wirtschaft Koreas,
AuІenwirtschaftspolitik.
Zur Person: Sven Horak
Sven Horak, M.Sc., ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für
Ostasienwissenschaften (IN-EAST) an der
UniversitКt Duisburg-Essen. Er war in der
Zeit von 2009 bis 2010 für das Ministerium
für Wiedervereinigung der Republik Korea
tКtig und beschКftigte sich in dieser Zeit
besonders mit der heutigen
innerkoreanischen Beziehung und der
deutschen Erfahrung der Einheit vor und
nach der Wende.
Dr. Hanns Günther Hilpert
EM - I N T E R V I EW
Nordkorea wird nicht den chinesischen Weg gehen
Für China gilt seit den 80er Jahren: Wenn wir Fortschritte machen und die Entwicklung
vorantreiben, dann ist das unser Begriff von Sozialismus. Nordkorea hat ein Кhnliches
Beispiel direkt vor Augen: die Entwicklung bei seinen südkoreanischen Landsleuten. Sven
Horak fragte den Experten Hanns Günther Hilpert von der Forschungsgruppe Asien der
Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), ob dies auch ein gangbarer Weg für das
darbende Nordkorea wКre. Hilpert hКlt dies trotz aller Verlockungen für nicht realistisch.
Gorbatschow sprach dazu für die EX-DDR einst das vernichtende Urteil: „Wer zu spКt
kommt, den bestraft das Leben.“
Von Sven Horak
EM 04-10 б 02.04.2010
urasisches Magazin: Ist die
wirtschaftliche Situation in Nord
Korea vergleichbar mit der in der
früheren DDR?
Hanns Günther Hilpert: Nein,
eigentlich nicht. Diese war vielleicht
vergleichbar in den ersten Jahren, als
beide Staaten ihre Wirtschaft sozialistisch
ausgerichtet haben und anfangs hohe
Wachstumsraten erzielten. Aber
letztendlich ist der Zusammenbruch der
Wirtschaft in Nordkorea noch totaler als das in der DDR der Fall war.
In Nordkorea ist die Regierung sogar unfКhig, ihre BevЪlkerung mit
Nahrungsmitteln zu versorgen. Es fehlen jedes Jahr zur
Eigenversorgung ein bis zwei Millionen Tonnen Getreide, die
importiert werden müssten, wofür das Land aber nicht über die
nЪtigen Devisen verfügt. Zudem ist die koreanische Landwirtschaft
durch UБNberdüngung und Abholzung nachhaltig und dauerhaft
geschКdigt in einem AusmaІ, wie das in der DDR nie der Fall war.
AuІerdem wКre im Vergleich auch der Stand der industriellen
Produktion zu nennen.
EM: Welche Probleme gibt es hierbei im Vergleich zur ehemaligen DDR?
Hilpert: Kapitalverzehr und Unterauslastung zum Beispiel nehmen Dimensionen an, wie es in der DDR
nicht vorkam. SchlieІlich gibt es auch infrastrukturelle Unterschiede. Die Eisenbahnlinien, das
StraІenverkehrsnetz oder die Telekommunikationsinfrastruktur sind entweder sehr schwach ausgebaut oder
sehr marode. Zusammen genommen, kann man sagen, dass grundlegende strukturelle Elemente in
Nordkorea - verglichen mit der damaligen DDR – wesentlich mehr heruntergekommen und kaputt sind.
Nordkorea rüstet auf, seine Menschen hungern
EM: Wie ist es dazu gekommen, dass im Vergleich zur DDR-Wirtschaft die nordkoreanische Wirtschaft im
internationalen Vergleich noch stКrker zurück blieb?
Hilpert: Beide Staaten sind bzw. waren Staaten mit einer sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft und
den ganzen Defiziten die dies mit sich bring. Die Hauptunterschiede sind aber, dass Nordkorea etwa ab den
60er bzw. 70er Jahren einen starken Schwerpunkt auf Rüstung und MilitКrwirtschaft gelegt hat. Laut CIASchКtzung
wird von Nordkorea jКhrlich ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts für Rüstung und deren
Instandhaltung ausgegeben. Die Mittel stehen dann natürlich nicht mehr für investive und konsumtive
Bereiche zur Verfügung. Die DDR hat nicht in diesem Umfang Geld in seine Rüstung gesteckt.
EM: Ist das der einzige Unterschied?
Hilpert: Nein. Hinzu kommt, dass die DDR besondere Vorteile hatte durch den Handels-, Transit- und
Wirtschaftsverkehr mit dem Westen. Innerdeutscher Handel war quasi ein laufender offener zinsloser Kredit.
Auch hat der StrauІ-Kredit in den 80er Jahren die DDR vor dem frühzeitigen Kollaps bewahrt. Nordkorea
hingegen hat seit dem Zusammenbruch des RGW-Handels mit der Sowjetunion in der 90er Jahren keinen
Zugang mehr zu den billigen Rohstoffen und Energielieferungen aus der Sowjetunion. Diese Importe müssen
seitdem mit harten Devisen bezahlt werden. Mit China ist es Кhnlich. Dies sind die Hauptgründe, warum es
Nordkorea wirtschaftlich wesentlich schlechter geht als der damaligen DDR.
Die Perspektive für Nordkorea ist vЪllig unklar
EM: Welche MaІnahmen wurden in Nordkorea ergriffen, um die Wirtschaft wiederzubeleben und wie
beurteilen sie deren Erfolg?
Hilpert: Es gab im Juli 2002 marktwirtschaftliche ReformmaІnahmen auf Initiative der Regierung. Dazu
gehЪrte ein grЪІeres MaІ an Autonomie für die Staatsunternehmen und Kombinate, sowie die Einführung
eines Preissystems für Nahrungsmittel, verbunden mit einer gleichzeitigen Preisanpassung. Fortan sollte die
Versorgung der BevЪlkerung wesentlich über dieses Preissystem funktionieren und das Ъffentliche
Verteilungssystem ersetzen. Das hatte man bis 2005 ausprobiert, wobei es zu diesem Zeitpunkt zu einer
Gegenbewegung kam, bei der man den Reformen kritisch gegenüberstand. Seitdem versucht man verstКrkt,
die vorherigen Ъffentlichen Strukturen wieder zu beleben.
EM: Sie sagen, es sei nach anfКnglichen Reformen zu einer Gegenbewegung gekommen. Wie sah diese aus?
Hilpert: Man hat viele internationale Hilfsorganisationen des Landes verwiesen und, wie gesagt, die
ReformmaІnahmen teilweise wieder rückgaБNngig gemacht. Private BauernmКrkte wurden geschlossen oder
diskriminiert. Diese MaІnahmen sind aber nur teilweise erfolgreich gewesen, da nach wie vor das Ъffentliche
Verteilungssystem nicht ausreicht, um die Versorgungslage der BevЪlkerung sicherzustellen. Insofern blieben
viele MКrkte bestehen. Klar ist aber, dass der Staat sie nicht will. Man kann letztendlich sagen, dass sowohl
die beschrieben Reformen, wie auch die GegenmaІnahmen gescheitert sind. Es ist in groІem MaІe unklar, in
welche Richtung sich die nordkoreanische Wirtschaft nun künftig entwickeln soll.
Sonderwirtschaftszonen bringen Devisen
EM: Wie steht es um die Sonderwirtschaftszonen? KЪnnen diese denn die Reformbestrebungen nicht
fЪrdern?
Hilpert: Ja, die Tourismusregion Kumgang und das Industriegebiet Kaesong sind solche
Sonderwirtschaftszonen und sie bestehen auch weiter. Sie bringen Devisen, was einer der wichtigsten
Faktoren zur Begründung ihrer Existenz ist. Es gibt zwar politische Konflikte deshalb mit der aktuellen
südkoreanischen Lee Regierung, aber dennoch haben Sie nicht zu einer SchlieІung der
Sonderwirtschaftszonen geführt. Nicht zu vergessen ist auch der Handel mit China, der Nordkorea
wirtschaftlich am Leben hКlt und das Regime stützt. Dieser ist allerdings in seiner Gesamtheit eher
intransparent. Fest steht aber, dass chinesische Unternehmen massiv in Nordkorea investiert haben. Dadurch
profitiert zwar in erster Linie die nordkoreanische Elite, aber es finden auch viele Menschen BeschКftigung
und die Versorgungslage verbessert sich.
EM: Stichwort China: Oft wird argumentiert, dass auf dem Wege zu marktwirtschaftlichen Reformen China
als gutes Beispiel für Nordkorea dienen kann. Wie sehen Sie das?
Hilpert: Zu diesem Punkt gehen die Ansichten auseinander. Meine Meinung ist, dass das chinesische
Beispiel eigentlich kein passender Weg für Nordkorea ist. Die Rahmenbedingungen für eine Transformation
in Nordkorea sind heute einfach vЪllig andere als die, die in China 1979 vorgelegen haben, als dort die
Privatisierung der Landwirtschaft begann.
Nicht einmal Privatisierungen würden das Grundproblem lЪsen
EM: Welches sind die Unterschiede zum China von 1979?
Hilpert: ZunКchst einmal ist die Landwirtschaft in Nordkorea wegen des schlechten Klimas und der
ausgelaugten BЪden wenig ergiebig. AuІerdem hat die Mechanisierung der Landwirtschaft in der 60er Jahren
bereits stattgefunden. Somit lassen sich die ProduktivitКtsgewinne einer Privatisierung in Nordkorea kaum
noch realisieren. Zum Zweiten: Privatisierungen würden in Nordkorea das Grundproblem nicht lЪsen,
nКmlich das des Kapitalmangels. Gebraucht wird einfach Kapital zur Restrukturierung und Modernisierung
der Landwirtschaft und besonders der Industrie.
EM: Aber welche MЪglichkeiten hat Nordkorea dann überhaupt?
Hilpert: Da kommt wieder die Politik ins Spiel, denn das Werben um Investoren auf den internationalen
KapitalmКrkten erfordert die politische VerstКndigung mit den USA. Ein weiterer politischer Aspekt ist, das
China zwar geteilt ist in ein kapitalistisches Taiwan und ein kommunistisches GroІ-China. Taiwan war aber
nie eine Systemalternative für die Menschen in China selbst. In Nordkorea ist das anders. Würde es zu einer
Systemtransformation kommen, wКre eine Voraussetzung das Wissen über die LebensverhКltnisse in
Südkorea. Das heiІt, irgendwann würden die Nordkoreaner erkennen, dass das kapitalistische Original im
Süden ein besseres ist, als die unvollstКndige Kopie im Norden. Sie würden schnell erkennen, dass ihnen das
Modell ihrer Landsleute im Süden auch eine bessere Lebensperspektive bieten kann. Sie würden versuchen
das System des Südens in den Norden zu holen.
Das Szenario der deutschen Wiedervereinigung vor Augen
EM: Ist das die Parallele zu den ehemals beiden deutschen Staaten?
Hilpert: Hilpert: Das ist im Prinzip das deutsche Szenario der Wiedervereinigung. Das weiІ man in
Nordkorea natürlich und ist daher so zЪgerlich mit allen ReformmaІnahmen. SchlieІlich ist aus
nordkoreanischer Sicht eine Transformation durch eine Einführung eines kapitalistischen Systems nicht die
einzige Alternative. Es gibt ja immer noch die MЪglichkeit, einfach so weiter zu machen wie bisher, um mit
innenpolitischer Restriktion, ideologischer Geschlossenheit und militКrischer Macht das eigene Жberleben zu
sichern. Dies wird derzeit anscheinend bevorzugt. Die Idee eines chinesischen Weges der Transformation hat
in meinen Augen in Nordkorea keine politische RealitКt.
EM: Herr Dr. Hilpert, haben Sie herzlichen Dank für dieses GesprКch.
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